„Hinter dem Fußball ist mehr als nur Fußball“: Tiefe Trauer um Hans-Joachim Lesching

Die Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter“ des 1. FC Union Berlin trauert um ihren Mitbegründer und Ehrenvorsitzenden Hans-Joachim „Jochen“ Lesching. Jochen verstarb am Donnerstag, dem 23. Oktober 2025 im Alter von 83 Jahren im Kreise seiner Familie.

Geboren in Mülheim an der Ruhr, führte es ihn in jungen Jahren mit der Familie nach Thüringen, nach Saalfeld-Unterwellenborn, er absolvierte eine Ausbildung zum Elektriker, studierte an der Technischen Universität Dresden und machte dort seinen Abschluss als Diplom-Ingenieurökonom für Energetik. Als solcher arbeitete er als Ingenieur in der Maxhütte Unterwellenborn, bevor er Ende der sechziger Jahre nach Berlin wechselte, um für die Freie Deutsche Jugend, das Komitee für Unterhaltungskunst und das Kulturministerium zu arbeiten. Ihn interessierte der soziale Gebrauch von Rockmusik, er selbst hatte schon in Thüringen zur Musik gefunden, hatte sich um die kulturelle Begleitung der Ernteeinsätze der Studenten gekümmert, Kabarettabende gestaltet und Beatmusik gespielt. Später wurde er Gewerkschaftschef im Friedrichstadtpalast. Im Herbst 1989 wirkte er am Aufbau einer eigenständigen Betriebsgewerkschaft im Friedrichstadtpalast mit und gehörte zu den Gründern der freien Gewerkschaft Kunst, Kultur, Medien. Schon 1988 hatte er Kontakte zu Gewerkschaftern aus dem Westteil der Stadt geknüpft. Er wusste, wie wichtig das war.

Das Ende der DDR veränderte auch sein Leben nachhaltig. 1991 entschied er, sich selbständig zu machen. Am liebsten hätte er eine Veranstaltungsagentur gegründet – andere waren ihm zuvorgekommen. Seine Ausbildung als Elektriker brachte ihn dann aber zur Neonwerbung und in die Werbewirtschaft. Also gründete er eine Werbemittelfirma, aus der schließlich das noch heute bestehende Familienunternehmen, die vierC print+mediafabrik hervorgegangen ist, in der sich seine Frau Siegrid um die Buchhaltung und sein Sohn André, der das Unternehmen heute leitet, um die Computertechnik kümmerten.

Aber auch der 1. FC Union sollte seine große Leidenschaft werden. 1969 besuchte er sein erstes Spiel im Stadion An der Alten Försterei, gegen den FC Carl Zeiss Jena. Für ihn war das schon ein Urerlebnis, das ihn – auch wenn zunächst eine längere Pause folgte – nachhaltig prägen sollte. Durch sein Unternehmen rückte er dann in den 1990er Jahren näher an den Verein heran – zunächst über das Stadionheft des 1. FC Union Berlin. 1997 ging es dem Verein sehr schlecht. Ehemalige Kollegen aus dem Friedrichstadtpalast baten ihn um Hilfe. Und so bot er an, das Stadionheft umsonst zu drucken. Der Verein übergab es in der Folge ganz. Mit einer Handvoll Unionern, die damals als Heftmacher – genannt die PROGRAMMIERER – für den Inhalt und die Grafik verantwortlich waren, produzierte er das Programmheft bis 2023.

2003 wurde Jochen Lesching Mitglied des Aufsichtsrates des 1. FC Union Berlin, das er bis zuletzt blieb. Nur konsequent war es, dass er 2004 auch zu den Mitbegründern des Wirtschaftsrates 1. FC Union gehörte und dessen Geschicke von 2005 bis 2017 als Vorstandsvorsitzender – und seit 2017 als dessen Ehrenvorsitzender – maßgeblich bestimmt hat. „Um uns selber müssen wir uns selber kümmern“, nicht nur dieses Brecht-Zitat prägte sein Handeln. Um die Inhalte ging es ihm, um das Stadion als Stätte gewollter Gleichheit, das Spiel als Bindekraft und die Ränge als solidarische Orte für die Union-Familie und ihre Gäste. Diese Potentiale des Fußballs – hinter dem Fußball – galt es zu entdecken. „Die Welt war zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt“ (Ror Wolf). Es ging Jochen um mehr als das rein Sportliche und Wirtschaftliche, das gleichwohl so wichtig war, denn – auch dies ein gerne wiedergegebenes Zitat von Jochen Lesching – „Profifußball ist nichts für Feiglinge!“. Jochen Lesching wurde zur geistigen Instanz des Vereins und hatte nicht zuletzt auch deshalb wesentlichen Anteil an der 2018 erfolgten Gründung und der Arbeit der Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter“, die er als Vorstandsvorsitzender bis 2024 leitete und prägte.

Der Verein hörte ihm zu und dankte ihm sein Engagement. 2017 wurde ihm – seit 2007 Träger zunächst der Silbernen und 2012 der Goldenen Ehrennadel – die Ehrenmitgliedschaft des 1. FC Union Berlin zuteil. 2021 verlieh ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für sein langjähriges gesellschaftliches Engagement das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Wirklich loslassen konnte er nur schwer, auch nicht, als ihm sein Arzt attestierte, sich doch endlich auch wie ein Achtzigjähriger zu verhalten. Aber er war weiterhin gefragt, sein Rat wurde bis zuletzt geschätzt, seine Autorität war ungebrochen, auch als die heimtückische Krankheit ihn längst im Griff hatte. Am Ende aber hat er den Kampf gegen die Krankheit verloren.

„Mit Jochen Lesching verlässt uns ein Mensch, der unseren Klub seit 2004 auf ganz eigene Weise entscheidend geprägt hat. Jochen war ein Unioner mit großer Integrationskraft, ein unermüdlicher Kämpfer dafür, die Bedeutung des Fußballs für das Leben so vieler Menschen herauszuarbeiten und zu nutzen, um positiv in unsere Gesellschaft hineinzuwirken“, so Union-Präsident und Stiftungsratsvorsitzender Dirk Zingler. „Für Union aber auch für mich persönlich ist Jochens Abschied ein sehr schmerzlicher Verlust. Jochen war über die Jahre ein enger Freund und ein wichtiger Ratgeber für mich. Gemeinsam sind wir den langen Weg gegangen, der uns aus der existenziellen Bedrohung bis in die Champions League geführt hat, von einer kommunalen Stadionruine zu einem Zukunftsprojekt auf eigenem Grund und Boden. Wir teilen den Schmerz und die Trauer mit seiner Familie, der unser tief empfundenes Beileid gilt. Jochen wird uns fehlen, doch seine Gedanken und Ideen werden in unserem Klub auch weiterhin wirken.“

„Die Errichtung unserer Stiftung ist maßgeblich Jochen Lesching zu verdanken. Seine Idee vom „Fußball für Menschen“ hat hier konkrete Gestalt angenommen und so hat sich die Stiftung unter seiner Führung zum Zentrum der sozialen Aktivitäten der Union-Familie entwickelt. Als Vorstandsvorsitzender und anschließend als Ehrenvorsitzender hat Jochen die Stiftung geprägt und verkörpert wie kein Zweiter. Wir vermissen ihn und werden, gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Unterstützern, die Stiftungsarbeit auch in seinem Sinne fortsetzen“ so Christian Arbeit, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter.

Jochen Lesching hinterlässt seine Witwe Siegrid, seinen Sohn André, die Schwiegertochter und die von ihm so geliebten Enkelkinder. Ihnen gilt unsere aufrichtige Anteilnahme. Die Union-Familie verliert mit ihm einen entscheidenden Mitdenker und eine Instanz, es ist ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Aber sein Vermächtnis wird bleiben, in der Familie, im Betrieb, im und um den Verein.

Bertolt Brecht schrieb: „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt“. Lieber Jochen, vielleicht war Dir letzteres nicht vergönnt. Aber Du hast immer alles dafür gegeben, dass es so sein wird.

Du wirst uns fehlen.